Foto: Jana Ackermann

Selbstversuch: Silent Retreat – das hat vier Tage Schweigen mit mir gemacht

Nicht sprechen. Keine Handys oder andere technische Geräte. Keine Musik. Keine Uhren. Kein Alkohol. Keine Bewegung während der Meditation. 

Stattdessen läutet morgens pünktlich um fünf Uhr der Morgengong. Wenn die Sonne aufgeht, wird für eine Stunde in Stille meditiert, danach folgt eine angeleitete Yogastunde. Am Nachmittag gibt es eine weitere Meditation und Yin Yoga. So sieht mein Tagesablauf für die nächsten vier Tage im Silent Retreat aus.

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Silent-Retreat auf Bali: Ein Erfahrungsbericht

Wie bin ich hier gelandet?

In einem Moment der Vernunft beschloss ich, über ein langes Wochenende ein Meditations-Retreat in Bali zu buchen. Ich hatte zwar schon von Vipassanā in Indien gehört, hatte aber keine Ahnung, worauf ich mich einließ. Ohne vorher viel zu recherchieren, dachte ich, dass es mir gut tun würde, die Verbindung zu den sozialen Medien, dem Internet und der Welt für ein paar Tage zu kappen. 

Kein Handy, dafür Meditation und eine „Cry Bench“

Eine Woche später kam ich also im Silent Retreat an, das eingebettet von Reisfeldern in der Mitte von Bali liegt. Gleich nach der Ankunft wird mein Handy weggeschlossen, dafür bekomme ich einen Beutel mit Bettwäsche, einem Kimono und einem Geschirrset. Mein Zimmer ist mit einem Bett, einem Stuhl und einem offenen Bad auf das Wesentlichste reduziert. Jeder Teilnehmer ist für die Sauberkeit seines Zimmers und seines benutzten Geschirrs selbst verantwortlich. 

Das Silent Retreat ist ein spiritueller Erholungsort und von einem Vipassanā-Zentrum inspiriert, schreibt aber weitaus nicht so viele Regeln vor. Das bedeutet: Ich darf mich bewegen, lesen und schreiben und Blickkontakt mit anderen TeilnehmerInnen aufnehmen. Zugegeben, mein introvertiertes Ich freute sich heimlich auf die Ruhe. Kein gezwungener Smalltalk mit Fremden – ein Traum.

Auf dem Gelände gibt es einen Gemüsegarten, einen Bananengarten und Beete für Heilkräuter. Ein Dschungelpfad führt zu einem kleinen Bach nebst einer „Cry Bench“, auf der man seinen Emotionen ungestört freien Lauf lassen kann. Das Retreat bietet ein Labyrinth und eine kuratierte Bibliothek, die mit Büchern und Ratgebern zu den Themen Yoga, Ayurveda und Persönlichkeitsentwicklung gefüllt ist.

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Vier Tage in Stille

Schon am ersten Tag schreibe ich vier Seiten meines Tagebuchs voll. Da ich mir sonst gerne meine Gedanken bei Freunden von der Seele quatsche, müssen meine ersten Eindrücke schließlich anders verarbeitet werden. Wenn nicht verbal, dann schriftlich. Der Gong zum Abendessen ertönt. Am veganen Buffet (das Essen hat Sterne-Niveau!) sammelt sich die Gruppe. Wir lächeln uns schüchtern an. Beim Essen in der Lodge sitzen wir zusammen, trotzdem ist hier jeder für sich. Die Stille wird mir plötzlich unangenehm. 

Im Silent Retreat leben wir mit dem Sonnenaufgang und -untergang. Um 19 Uhr liege ich in meinem Zimmer, es ist stockfinster und ich schlafe schnell ein. Der tiefe Klang des vibrierenden Gongs reißt mich morgens aus dem Schlaf. Irgendwie schaffe ich es zum Meditieren ins Shalla. Ich praktiziere viel Yoga, doch Meditation fällt mir noch schwer. Ich sehe die Stunden als eine gute Übung. Nach 30 Minuten schläft mein Fuß ein und ich kann mich nicht mehr konzentrieren.

Umso mehr freue ich mich auf die folgende Yogastunde und genieße ein ausgedehntes Frühstück, das täglich wechselt und aus lokalen Bio-Zutaten zubereitet wird. Das traumhaft gedeckte Buffet wird zum Highlight meines Tages. Ich fühle mich entspannt und habe endlich Zeit, mir über Dinge Gedanken zu machen, die ich im Alltagsstress sonst gerne zur Seite schiebe. 

Vertrauen, Abschalten, Durchatmen

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass sich dieses Gefühl in weniger als 48 Stunden ändern würde. Mir fehlen Gespräche und Stimmen, ich möchte Fotos vom Sonnenuntergang machen und wissen, wie es meinem Freund geht. Immer wieder muss ich mich ins Hier und Jetzt zurückholen. Was mir hilft? Die Meditation, die von Tag zu Tag besser wird. 

Ich gewöhne mich an den immer gleichen Tagesablauf und schlafe jede Nacht exakt zehn Stunden. Es gibt keine Aufgaben, aber auch keine Langeweile. Denn ich beschäftige mich mit mir selbst. Wie mir das Silent Retreat dabei hilft? An jeder Ecke in der Lodge entdecke ich Affirmationen. Ich lese jede einzelne, notiere mir Gedanken und werde innerlich ganz ruhig. Es ist heilsam, sich einfach mal zurückzuziehen und Wesentliches wahrzunehmen. Keine Nachrichten, kein Weltgeschehen, kein Drama. Dafür bewusst atmen, laufen, fühlen und wahrnehmen.

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An meinem letzten Tag fühle ich mich erholt, aber auch unruhig, wieder ins „wahre Leben“ zurückzukehren. Beim Auschecken spreche ich zum ersten Mal nach vier Tagen wieder. Meine zweite Amtshandlung? Das Handy anschalten. Und was ist passiert? Nichts! Ein paar WhatsApp-Nachrichten und E-Mails sowie dieselbe Art von Instagram-Posts, die mir vor ein paar Tagen auch schon angezeigt wurden. Die Erde dreht sich weiter.

Auf dem Weg zurück in die balinesische Zivilisation muss ich mich jedoch erst wieder an den Lärm der hupenden Autos und Motorroller gewöhnen. Den restlichen Tag verbringe ich mit meinem Freund. Das Handy bleibt zuhause. Auch in den nächsten Tagen merke ich, wie wenig Zeit ich am Smartphone verbringe. Ich nehme mir vor, zukünftig öfter Digital Detox zu machen.

Silent Retreat: Würde ich es wieder machen?

Rückblickend fühlt sich das Silent Retreat in Bali für mich wie ein Erholungsurlaub an. Auf der körperlichen Ebene durch Yoga, auf der mentalen Ebene durch Atemübungen und auf der feinstofflichen Ebene durch Meditation. Ich wurde radikal aus dem Alltag gerissen, gab jegliche Verantwortung ab und war einfach nur da. Ich drufte mich einige Tage nur auf mich und meine Grundbedürfnisse konzentrieren.

Was ich dabei gelernt habe? Zum Beispiel, dass es mir gut geht, wenn die folgenden Bedürfnisse erfüllt sind: Drei geregelte und gesunde Mahlzeiten am Tag, Yoga und ein paar ruhige Minuten, in denen ich mich nur auf die Atmung konzentriere. 

Auch der Respekt vor dem Alleinsein hat sich gelegt. Stattdessen war ich positiv davon überrascht, wie gut ich mit meinen eigenen Gedanken auskomme und wie sehr mir Meditation dabei hilft, klar und ruhig zu sein. Ob ich ein stilles Retreat wieder machen würde? Definitiv ja – wenn auch nur für ein paar Tage.

Auch heute – einige Monate nach dem Silent Retreat – lese ich mir immer wieder einen Leitspruch durch, den ich mir in Bali notiert habe. Vielleicht schenkt er ja auch dir heute ein positives Gefühl:

Always, always, always be thankful.

Sometimes silence is better than being right.

Love is not what you say. Love is what you do.

Let go of what’s gone, but keep the lesson. 

If it’s what you love, never give up. Keep going…

Don’t let others steal your peace.

Be patient. Things will get better.

Integrity is everything!

It’s okay to be afraid, but don’t let fear stop you. 

Live in the moment, but look forward to what is coming next.“

Shared from power of positivity, Bali Silent Retreat

Jana Ackermann
Als ausgebildete Modejournalistin schreibe ich besonders gerne über die schönen Dinge im Leben: Stil, Beauty, Interior, Kultur und Nachhaltigkeit. Nebenbei entspanne ich beim Yoga, veranstalte regelmäßig Brunch-Clubs bei mir zuhause und dekoriere ständig meine Wohnung um. Als freie Autorin kann ich überall dort arbeiten, wo auch mein Laptop ist. Meistens ist das von meiner Heimat München und von meinem zweitliebsten Ort auf der Welt – dem spirituellen Bali.